Der mit dem Bison tanzt...

Der mit dem Bison tanzt...

Wood Buffalo National Park – der Name ist Programm!

Endlich ist sie da, unsere langersehnte Wohnmobilreise nach Kanada. Die Devise: Wildnis pur! Die Entscheidung für Kanadas hohen Norden war schnell gefällt. Kaum befahrene Straßen, grandiose Naturschauplätze und Geheimnisse aus längst vergangenen Tagen. Ganz ohne Stress und Hektik des Alltags Einsamkeit und Abenteuer erleben – der Weg ist das Ziel! Und hier sind wir also, in den Northwest Territories. Vor uns liegt der Wood Buffalo National Park….

Ganz unten im Süden der Northwest Territories liegt dieses Naturschutzgebiet, das sich über die Provinzgrenze hinaus bis nach Alberta erstreckt. Mit einer Fläche so groß wie die Schweiz, ist der Wood Buffalo National Park der größte Nationalpark Kanadas sowie der zweitgrößte weltweit und gehört zudem zu den World Heritage Sites. Sein Name ist Programm, denn als er im Jahre 1922 gegründet wurde, geschah dies unter anderem zum Schutz der letzten Waldbisons der Region – den Wood Buffalos. Auch heute noch leben rund 6.000 Bisons im Park und bilden die größte frei lebende Gruppe weltweit. Fernglas parat? Kamera griffbereit? Denn es dauert nicht lange und wir entdecken ein prächtiges Exemplar dieser friedlichen Giganten direkt am Straßenrand. Der stattliche Bulle beachtet uns nicht. Motor aus. Stille. Und bedächtiges Schnaufen (bin ich das oder kommt das vom Bison?!). Wo einer ist, ist der nächste nicht weit – und richtig, von der Lichtung kommen einige Kollegen des bulligen Kolosses herangetrabt. Auch Jungtiere sind dabei. Mein Herz schlägt schnell, die Kamera klickt. Stolze 900 kg können die männlichen Tiere auf die Waage bringen und dabei nicht selten eine Länge von bis zu 3,80 m erreichen. Es sind die größten Landsäugetiere Nordamerikas – da darf man durchaus beeindruckt sein…! Als die Bisons von dannen ziehen, fühle ich mich direkt wie bei „Der mit dem Wolf tanzt“. Kevin Costner hat die großen Herdenszenen seinerzeit tatsächlich im Wood Buffalo National Park gedreht – Hollywood lässt grüßen!

Auch wenn die Bisons dem Wood Buffalo National Park seinen Namen gegeben haben, sind sie natürlich nicht die einzigen Parkbewohner. Rund 300 Tierarten nennen den Park ihr Zuhause, darunter Wölfe, Bären und Elche sowie rund 250 Vogelgattungen. Tausende von Zugvögeln überqueren die Region zweimal im Jahr auf ihren Flügen in die Sommer- bzw. Winterquartiere. Auch die weltweit letzten Nistplätze des vom Aussterben bedrohten Schreikranichs befinden sich auf dem Gelände des Parks. Seit Frühjahr 2015 bietet Parks Canada die „Whooping Crane Iconic Experience“ an, bei dem die Teilnehmer die seltenen Tiere in ihrem Sommerrevier beobachten können. Auf dem Programm stehen neben Experten-Vorträgen über die positive Entwicklung der Bestände, geführten Wanderungen, Kanutouren sowie Monitoring und Recovery Projekten optional auch Beobachtungsflüge im Helikopter oder Festflügelflugzeug. Ein super Erlebnis, nicht nur für Ornithologen!

Wir touren weiter mit unserem Wohnmobil. Die wunderbare boreale Landschaft des Parks mit ihrem endlosen Labyrinth aus Flüssen, Seen und Sümpfen zieht uns kolossal in ihren Bann. Immerhin bildet das Flussdelta aus Slave, Peace und Athabasca River eines der größten Frischwasserdeltas der Welt! Im Norden des Parks erstreckt sich westlich des Slave River das bedeutendste Gipskarstgebiet Nordamerikas. Hunderte von Höhlen, Dolinen und Karstquellen sowie ein ausgedehntes Labyrinth unterirdischer Flüsse durchziehen das Gebiet. Manche der Höhlen sind im Laufe der Jahrtausende zusammengebrochen und haben die für die Region so charakteristischen Sinklöcher gebildet.

A propos Sinkloch: Das spektakulärste ist der heutige Pine Lake, an dem sich unser Campingplatz befindet. Wir schlagen unser Quartier für die Nacht auf und genießen die Ruhe der hereinbrechenden Dunkelheit. Der Wood Buffalo National Park wurde 2013 zum weltweit größten „Dark Sky Preserve“ ernannt. Die nächtliche Umgebung wird hier in ihrer ursprünglichen Form erhalten und vor künstlichen Lichtquellen geschützt – ideale Voraussetzungen für die Beobachtung des nächtlichen Himmels! Und tatsächlich werden wir heute Abend Zeuge eines eindrucksvollen Naturschauspiels. Wie von Zauberhand zeichnen sich zarte, wirbelnde Lichtschleier aus sonderbaren Farben und Mustern am Himmel – Polarlichter! Sie scheinen nur für uns zu tanzen…

Am nächsten Morgen geht’s sportlich weiter. Der Pine Lake eignet sich ideal für leichte Tagesausflüge im Kanu – auch für ungeübte Paddler wie uns. Leise plätschert das Wasser beim Eintauchen meines Paddels in den See. Ich entspanne mich (noch mehr!) und spüre die Gelassenheit, die mich beim Anblick der großartigen Wildnis am Ufer durchströmt. Die Ruhe erfasst mich – herrlich. Wer noch größere Abenteuer sucht, der paddelt am besten auf dem Peace, Athabasca oder Slave River – Backcountry Paddling heißt hier die Devise.

Im Nordosten des Wood Buffalo National Parks befinden sich die einzigartigen Salt Plains. Quer durch die Ebene sprudeln unterirdische Salzrückstände eines vorzeitlichen Meeres aus Quellen an die Oberfläche und formen an manchen Stellen Hügel von bis zu zwei Metern Höhe. Im Frühjahr verteilt sich das Salz über die gesamte Fläche und formt faszinierende weiße Muster auf dem Boden. Das Salz ist reines Tafelsalz, das sich vor vielen Millionen Jahren abgesetzt hat. Ein kurzer Fußmarsch vom Salt Plains Aussichtspunkt führt serpentinenförmig die steile Böschung in die Ebene hinab. Markierte Wanderwege gibt es hier nicht, dafür einen wunderbaren Eindruck von Solequellen, Salzhügeln und der salztoleranten Vegetation sowie natürlich eine Vielzahl an Tierspuren. Schuhe aus und barfuß über die Salt Plains – eine Wohltat für die Füße!

Neben eher gemütlichen Spaziergängen gibt es im Park selbstverständlich auch anspruchsvollere Routen – bei sportlichen Tagesmärschen oder ausgiebigen Mehrtagestouren schlägt das Herz passionierter Wanderer höher. Ein Rascheln im Unterholz, ein schnaubendes Geräusch … na, wenn das mal kein Bison ist!

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